Udo Steinbach wird uns fehlen – ein großer Orientexperte und Freund ist von uns gegangen

Bild Udo Steinbach

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In der Nacht zum Sonntag, den 3. August 2025, verstarb nach kurzer Krankheit unerwartet Professor Dr. Udo Steinbach im Alter von 82 Jahren. Er war nicht nur einer der bedeutendsten Orientalisten Europas, sondern auch ein Brückenbauer zwischen den Kulturen, vielfältig engagiert und hilfsbereit. So hat er unserem Verein als Ganzem, aber auch verschiedenen anderen Mitgliedern des Ibn Rushd Fund in Projekten und Kooperationen nahegestanden. Darum galt es, die an ihm geschätzten Charakterzüge und Verdienste von den vielen Einzelnen zusammenzutragen; es war eine kleine Herausforderung, daraus einen Nachruf zu verfassen der seinem Wirken gerecht wird.

Professor Udo Steinbach galt als einer der renommiertesten Wissenschaftler Europas für Islam- und Nahoststudien und hat sich Zeit seines Lebens der Überbrückung der Kluft zwischen Ost und West gewidmet. Geboren am 30. Mai 1943 nahe Zittau, studierte Steinbach Orientalistik und Klassische Philologie. Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn zu einer herausragenden Stellung als Forscher der Zeitgeschichte und der politischen Entwicklungen im Nahen Osten. Er lehrte an zahlreichen Universitäten und übernahm später die Leitung des Zentrums für Nahost- und Nordafrikastudien der Stiftung Maecenata.

Über drei Jahrzehnte lang (1976–2006) leitete er das Deutsche Orient Institut in Hamburg und veröffentlichte richtungsweisende Forschungsergebnisse zu arabischen und islamischen Gesellschaften, die für Politiker:innen und Wissenschaftler:innen zu einer unerlässlichen Lektüre geworden sind. Seine Werke stellen westliche Stereotypen in Frage, indem sie ein differenziertes Verständnis des Islam vermitteln. Er beklagte, dass die Fixierung der westlichen Medien auf Gewalt die friedliche Mehrheit der Muslime verleugne.

Udo Steinbach hatte die Gabe, Komplexes und Kompliziertes greifbar machen zu können. Er hat vielen den Nahen Osten verständlich gemacht, ohne je von seiner Kenntnistiefe abzulassen, ohne unzulässige, ‚verpopularisierende‘ Vereinfachungen, und ohne Niveauverlust. Er war ein Meister der großen Würfe und der Gesamtanalysen; statt nur auf ein Land zu schauen, oder einen Teilbereich eines Problems zu betrachten, stellte er die Zusammenhänge her; he connected the dots.

Verbindungen herzustellen galt sein Streben auch in anderer Hinsicht, denn Udo Steinbach war ein Brückenbauer zwischen den Kulturen und engagierte sich zeitlebens für den interkulturellen Dialog. Er setzte sich mit Nachdruck für die Belange von Muslimen und Arabern ein und spielte eine entscheidende Rolle bei der Förderung des Verständnisses zwischen der arabischen Welt und Deutschland. Er war aufrichtig, streitbar auch, und hat sich immer für eine ausgewogene Betrachtung des Nahen Ostens und seiner Konflikte eingesetzt, war auf Ausgleich und Vermittlung bedacht; in unserer polarisierten Zeit bescherte ihm diese Haltung leider nicht nur Anerkennung, sondern auch Anfeindungen.

Udo Steinbach war ein warmherziger Mensch – er war vielfältig engagiert und stets bereit, anderen zu helfen, ihre Projekte zu etablieren. Sein Engagement innerhalb des Ibn Rushd Funds entstand, nachdem er die Laudatio für die Gewinnerin des Ibn Rushd Preises 2012 hielt, die syrische Demokratie- und Menschenrechtsaktivistin Razan Zaitouneh. Im Anschluß wurde er Mitglied des Ibn Rushd Fund und stand uns oft mit Rat und Tat zur Seite. Noch im Februar 2023 diskutierten er und die sudanesische Menschenrechtsaktivistin Manal Seifeldin mit dem tunesischen Expräsidenten Moncef Marzouki dessen Buch zu Ideologien in der Krise.

Scheinbar ausweglose Situationen brachten Udo Steinbach nicht zum Verzagen, und auch vor komplexesten Aufgaben schreckte er nicht zurück. Immer wieder war er als Brückenbauer auch in krisengebeutelten Regionen unterwegs: vor nicht allzu langer Zeit im Irak und, vor einigen Wochen erst, im Iran.

Udo Steinbach lebte mit voller Energie bis zuletzt. Es ist bewundernswert, wie viele Dinge er auch im hohen Alter gestemmt hat, wie viel er geschrieben hat, wie er mit Volldampf fuhr bis zum Schluß. So aktiv wie er war bis an sein Ende, so wollen wir ihn in Erinnerung behalten. Mit seinem Tod verlieren wir nicht nur einen brillanten Denker, sondern auch einen aufrichtigen, warmherzigen Freund, dessen kluge Analysen und weitsichtige Einschätzungen gerade in der heutigen krisenhaften und polarisierten Zeit schmerzlich fehlen werden. Sein Vermächtnis besteht darin, das gegenseitige Verständnis zwischen Europa und der arabischen Welt weiterhin aufrechtzuerhalten und zu fördern.


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