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Pressemitteilung

 

Filmkunst als Mittel gegen
soziale Heuchelei

Der tunesische Regisseur Nouri Bouzid erhält den

Ibn Rushd Preis für Freies Denken 2007

 

(Berlin) Der diesjährige Ibn Rushd Preis wird dem Regisseur Nouri Bouzid für seine  außerordentlich mutige, gegen Unrecht sensibilisierende Filmarbeit verliehen, mit der er einen Beitrag leistet zum kritischen Denken in der arabischen Gesellschaft.

 

Ausgeschrieben war der Preis 2007 für einen arabischen Filmemacher, der sich den Themen Freiheit und Demokratie widmet, sich in seinem Werk mit gesellschaftlichen und politischen Tabuthemen auseinandersetzt und damit zusammenhängende Phänomene und Praktiken aus neuer Perspektive kritisch beleuchtet.

 

Der Ibn Rushd Preis für Freies Denken wird in diesem Jahr zum neunten Mal verliehen. Ganz im Geiste des Namenspatrons Ibn Rushd (1126-1198), dem Philosophen und Vermittler zwischen den Kulturen, widmet sich der Ibn Rushd Fund dem Recht auf freie Meinungsäußerung und Demokratie in der arabischen Welt. Das Schwerpunktthema ist jedes Jahr unterschiedlich. Bisher sind Preise im Bereich Journalismus, Frauenrechte, Kritisches Denken, Politik, Philosophie, Literatur, Islamreform und Menschenrechte vergeben. Der diesjährige Preis war ausgeschrieben für einen Filmemacher, der sich um Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und Demokratie in der arabischen Welt verdient gemacht hat.

 

Nouri Bouzid (*1945) gehört zu den profiliertesten und erfolgreichsten Regisseuren im arabischen Raum. Aufgewachsen in der Hafen- und Industriestadt Sfax, geht er schon als junger Mann nach Brüssel, um von 1968 bis 1972 am Institut National Superieur des Arts du Spectacle (INSAS) zu studieren. Er kehrt aber schon 1972 in seine Heimat zurück. Weil er sich einer oppositionellen politischen Gruppierung anschließt, sperrt ihn die Regierung Habib Bourguiba für fünf Jahre ins Gefängnis. Die Erfahrung von Erniedrigung und Folter wird die weiteren Arbeiten des eher schmächtigen jungen Bouzid prägen.

 

1986 entsteht sein erster eigener Spielfilm „L`homme de cendres“ (Der Mann aus Asche), in dem es um Homosexualität geht. Bouzid hat sexuellen Missbrauch am eigenen Leib erleiden müssen. Sein Film wird in der offiziellen Auswahl in Cannes gezeigt und erhält Preise auf anderen ausländischen Festivals. 1989 verarbeitet  Bouzid in „Les sabots en or“ („Holzschuhe aus Gold“) seine entwürdigenden Erlebnisse im Gefängnis. „Unsere Gegenwart und unsere Zukunft werden von unserer Vergangenheit in Beschlag genommen. Ich bin vergewaltigt worden, und das war für mich eine Schande. Indem ich sie ausspreche, verwandle ich meine Schande in Würde“ (taz, 10.9.2004). Nach Bouzids Überzeugung dürfen Menschen nicht davor zurückschrecken, ihnen zugefügtes Unrecht öffentlich zu machen; denn nur, wenn man den Finger in die Wunde legt, eröffnet sich die Chance, solche Wunden zu heilen. Er nennt es „soziale Heuchelei“, die die traditionellen Gesellschaften prägt.

1990 nimmt Bouzid in einem Kurzfilm – als Teil eines Gemeinschaftswerks mit anderen Filmemachern – kritisch Stellung zum Golfkrieg der Amerikaner.

 

1992 widmet er sich wieder einem großen Projekt. Er verarbeitet das Problem „Sextourismus“ in dem Film „Bezness“. Der Titel ist eine Verballhornung des englischen Wortes „business“. Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen des tunesischen Staates. Die Regierung widerruft die Subventionen und die Dreherlaubnis in der Hauptstadt. Erst als der Film internationale Anerkennung findet, wird er auch im tunesischen Fernsehen gezeigt.

Und gerade das ist ein wesentlicher Ansatz für Bouzids Kritik, dass Menschen und ideelle Werte in den modernen Gesellschaften nur nach materiellen Maßstäben beurteilt werden. Ihm geht es um die Gefühle der Menschen, die Verletzungen davon tragen, weil sie zwischen den scheinbar sicheren Koordinaten ihrer soziokulturellen Verankerung und den Lockungen der westlichen Moderne zerrissen werden. Tunesien hat eine der modernsten Gesetzgebungen in der islamischen Welt. Fortschrittliche Gesetze und soziale Realität aber klaffen weit auseinander. Die althergebrachten feudalen Strukturen sind nur schwer zu durchbrechen. Eine Erklärung sieht Bouzid im materiellen Interesse der Mittelklasse, die am status quo festhält, weil sie gut damit lebt.

 

In seinem neuesten Film „Making of“ (Arabisch „Akhir film“, wörtlich = „Der letzte Film“), der 2006 auf dem Festival von Karthago mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, widmet sich Bouzid der Frage, warum junge Männer bereit sind, sich durch ein Selbstmordattentat das Leben zu nehmen. In einem Interview mit Larissa Bender spricht er von der „Verlorenheit“ der arabischen Jugend auf geistiger Ebene und der „Verzweiflung in ökonomischer Hinsicht.“ Das bereitet den Boden für den fundamentalistischen Islam, der die innere Knebelung in erstarrten Gesellschaftsstrukturen und die äußere Wut über die anmaßende westliche Politik in ihrer Region zu nutzen weiß. „Die Verantwortung ist klar im Film…Wir alle sind verantwortlich: die Polizei ist verantwortlich, die fehlende Freiheit ist verantwortlich, die familiäre Struktur, das Scheitern des Ausbildungssystems…Wir alle haben den Jugendlichen vorbereitet und die Islamisten haben ihn `gepflückt`.“

 

Nouri Bouzid wird aus Tunesien zur Preisverleihung am 30. November 2007 um 17 Uhr im Goethe-Institut e.V., Neue Schönhauser Str. 20 in Berlin-Mitte (S-Bahn Hackescher Markt, U-Bahn Weinmeisterstr.) nach Deutschland kommen.

Ein Empfang mit arabischem Tee, Baklava und Zeit zur persönlichen Diskussion schließt die Feierlichkeit ab.

 

Kurzbiographie des Preisträgers                         

Mitglieder der Jury (Kurzbiographien)                 

Foto des Preisträgers                                           

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