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Rede der Preisträgerin      Fatima Ahmed Ibrahim

Berlin 8.12.2006

anlässlich der Verleihung des Ibn Rushd Preises

 

 

Verehrter Vorstand, verehrter Beirat,

Verehrte Mitglieder des Ibn Rushd Funds

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

es fällt mir schwer, meinen Dank und meine Wertschätzung auszudrücken, welche ich für diese wunderbare Einrichtung empfinde und dafür, dass mir auf diese Weise Ehre zuteil wird, die ich in diesem Maße wohl gar nicht verdient habe.

 

Der wahre Wert dieser Auszeichnung besteht meiner Meinung nach erstens darin, dass damit der Frau an sich und ihrer Rolle in der Gesellschaft gebührend Aufmerksamkeit geschenkt wird, und zweitens, dass die Frauenbewegung in der arabischen Welt ermutigt wird, ihre Arbeit fortzusetzen, damit die Frau - vor allem aus der jüngeren Generation - und somit  die Gesellschaft im Allgemeinen sich entwickelt.

Es ist ja bekannt, eine Hand kann nicht alleine klatschen. Führungscharaktere vertreten die Aktivitäten und Errungenschaften ihrer Organisationen. Ich betrachte meine Ehrung als eine Ehrung der sudanesischen Frauen-Union  auf Führungs- und Basisebene und hoffe, dass der Ibn Rushd Fund seinen Weg weiter fortsetzen kann.    

 

Verehrte Damen und Herren, erlauben Sie mir, Ihnen kurz die Geschichte und Tätigkeit der sudanesischen Frauen-Union zu erzählen, der ich derzeit als Präsidentin vorstehe. Ich möchte von den Erfahrungen einiger Frauenpioniere berichten, die eine solide Grundlage für den Kampf der Frau geschaffen und den schwierigen Weg der Emanzipation für künftige Generationen geebnet haben.

 

Die Frauen-Union wurde am 31.01.1952 gegründet. Es ist die erste Frauen-Organisation im Sudan. Zuvor hat es lediglich 1947 den „Bund intellektueller Frauen“ gegeben, der bereits zwei Jahre nach seiner Gründung seine Tätigkeit wieder beendete. Um diese Zeit befand sich unser Land noch unter britischer Besatzung. Analphabetismus war unter der großen Masse der weiblichen Bevölkerung vorwiegend verbreitet, Frauen waren allgemein unterdrückt. Dies spiegelte sich schon in der Wohnungseinrichtung und in den Gewohnheiten wieder. Der größere und schönere Teil der Wohnung war gewöhnlicher Weise den Männern vorbehalten und obwohl Frauen z. B. das Essen zubereiten, wurden die Leckerbissen zuerst den Männern serviert. Frauen aßen  das, was übrig war.

 

Diese Tradition hat sich in manchen Teilen des Landes bis heute fortgesetzt. Wir haben auch immer noch das Problem der „pharaonischen Bezähmung“ (der Beschneidung von Frauen), ein abscheulicher, gesundheitsschädlicher Brauch. Die Beschneidung wird im Kindesalter durchgeführt mit dem Ziel, die Reinheit des Mädchens bis zur Heirat zu bewahren. Ferner werden bei den meisten Stämmen immer noch Tätowierungen durchgeführt. Mit einem scharfen Instrument wird in die Gesichtshaut junger Frauen das Symbol des Familienstammes geschnitten. Es gilt als „Verschönerung“ für Mädchen, vor allem aber auch als deutliches Kennzeichen ihrer Stammeszugehörigkeit. Diese Sitte, die in sehr jungen Jahren durchgeführt wird, ist nicht minder hässlich und schmerzhaft wie die „pharaonische Bezähmung“. Darüber hinaus werden in ganz vielen Fällen Frauen nicht um ihre Meinung gefragt, wenn sie mit einem Mann vermählt werden. Oft wird ein Mädchen von Geburt an ihrem Cousin versprochen.

Kurz gesagt, alle Familienrechte waren ganz auf die Interessen des Mannes ausgerichtet und gaben ihm die absolute Autorität über die Frau. Jeder Mann hatte das Recht, bis zu vier Frauen zu heiraten und sich nach Belieben wieder von ihnen scheiden zu lassen. Im Falle einer Scheidung war er nach dem sogenannten „Gehorsamkeitsgesetz“ berechtigt, seine Frau jederzeit mit  polizeilicher Gewalt zurückzuholen, wenn er es wollte (d. h. wenn er seinen Scheidungswillen zurückziehen wollte) ohne Rücksicht auf ihre Meinung  oder auf das Ausmaß des Schadens, den er ihr dabei zufügt. Das Familienrecht im Sudan gab einer Mutter das Sorgerecht für ihre Tochter bis zu ihrem 9. Lebensjahr und das Sorgerecht für ihren Sohn bis zu seinem 7. Lebensjahr, danach nahm der Vater die Kinder zu sich. Es gab bis zu diesem Zeitpunkt kein Gesetz, das den Vater verpflichtete, seinen Kindern im Falle einer Scheidung Unterhaltsgeld zu zahlen.

 

Im Süden des Sudans, wo die Mehrheit der Bevölkerung christlichen Glaubens ist, gibt es merkwürdigerweise auch Polygamie, obwohl die christliche Religion die Vielehe ja nicht erlaubt. Ein wichtiger Grund für die Verbreitung von Polygamie ist wirtschaftlicher Natur. Frauen bilden ein wichtiges, wirtschaftliches Potenzial, als Arbeitskraft in der Landwirtschaft und in der Produktion von Lebensmittel. Je mehr Frauen ein Mann hat, desto mehr Söhne werden ihm geboren und desto größer ist sein Einkommen. Das macht ihn vermögend und verbessert seine gesellschaftliche Stellung. Dies alles beweist, dass der Einfluss von Sitten und Gebräuchen und wirtschaftlichen Aspekten stärker sind als der Einfluss von Religionen. Oftmals wird die Religion – vor allem in islamischen Ländern – mit Sitten und Gebräuchen vermengt, um das Volk an die Sitten zu binden, auch wenn diese Sitten schädlich sind.

 

Auch sozial- und arbeitsrechtlich ist die sudanesische Frau dem sudanesischen Manne nicht gleichgestellt. Der Analphabetismus ist bei Weitem verbreiteter unter Frauen als unter Männern, obwohl von der Mutter ja die gesamte Gesellschaft stammt, und es ist sie, die die Kinder erzieht.  Es gibt viel weniger Mädchenschulen als Schulen für Jungens. Die Mehrheit der Frauen ist nicht berufstätig. Es ist noch nicht so lange her, da waren die Berufe, die Frauen im Sudan ausüben durften, beschränkt auf Lehrerinnen und Krankenschwestern. Frauen verdienen 80% des Gehalts ihrer männlichen Kollegen bei gleicher Qualifizierung, gleicher Tätigkeit und gleicher Arbeitszeit. Frauen haben nicht die gleichen Chancen wie Männer bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz, noch sind sie gleichberechtigt bei der Aus- und Weiterbildung, bei Beförderung und Lohn. Wenn sie ein Kind gebärt, erhält sie keinen bezahlten Mutterschutzurlaub. Das sogenannte Muschahara-Gesetz zwingt arbeitstätige Frauen, wenn sie heiraten, ihre Kündigung einzureichen, um in ein monatliche verlängerbares Arbeitsverhältnis einzutreten, was sie der Gefahr der kurzfristigen Kündigung aussetzt und nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses entfallen für sie alle sozialen Leistungen. In Regionen, in denen Landwirtschaft betrieben wird, wird die Arbeit der Frau als ein Teil der Arbeit des Mannes gesehen. Sie übt sie aus, ohne dafür einen Lohn zu erhalten. In manchen Gegenden gilt die bloße Erwähnung einer Frau vor Fremden als Schande für die ganze Familie. 

 

 


Unser Plan war es, Gleichberechtigung, Demokratie und Frieden zu erreichen

 

Uns war von Anfang an klar, dass, wenn wir die Frauen-Union zu einer breiten Volksbewegung machen wollten, bei der alle Frauen bis in die Dörfer und Privathäuser erreicht werden, die Frauen-Union von allen Parteien und Machteinflüssen unabhängig bleibt musste. Das ist uns tatsächlich gelungen. In ganz Sudan richteten wir Zweigstellen ein, auch im Südsudan. In den größeren Städten wurden gleich mehrere Stellen eingerichtet, um alle Wohngebiete zu erreichen und um junge, engagierte Frauen mit Führungsqualitäten ausbilden zu können. Denn diese Frauen vor Ort kennen die Probleme und den dringenden Bedarf ihrer Region besser als die Führungskräfte in der Zentrale. Sie haben mehr Einfluss und können daher mehr bewirken. Die Frauen-Union hat Arbeitsgruppen unter Schülerinnen in Gymnasien sowie unter Studentinnen an den Universitäten gegründet. Es wurde immer darauf geachtet, einen Sitz im Vorstand für eine Vertreterin aus den Südsudan freizuhalten, damit die Zweigstellen im Süden mit dem Vorstand direkt verbunden waren. Ein weiterer Sitz war für die „Gewerkschaft arbeitender Frauen“ vorgesehen, um arbeitstätige Frauen zu ermutigen, sich in der Gewerkschaft zu engagieren und um die gute Zusammenarbeit zwischen der Union und den Gewerkschaften beim Kampf um  Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Berufsleben zu stärken.

Wir haben von Anfang an sehr positive Erfahrungen mit den Dorfbewohnern rund um die Hauptstadt gemacht, die sehr aufgeschlossen waren, offenherzig und die Forderungen der Union voll unterstützt haben.

 

Die Union hatte Ausschüsse mit besonderen Aufgaben definiert, die aus Mitgliedern der Basis bestanden, angeführt von einem Vorstandsmitglied. Ziel des ganzen war es, jeder Hausfrau von dem Verhältnis zwischen ihrem privaten Leben, der Politik und Wirtschaft und den Gesetzen bewusst zu machen, um deutlich zu machen, welche Faktoren bei ihrer Lebensversorgung und Bildung eine Rolle spielen. Daneben hielten wir wöchentliche Sitzungen ab mit Vertreterinnen der Städteviertel als Fortbildungskurse für Führungskräfte.

 

 

Bewusstseinsentwicklung und Änderung der Strategie

 

Als die Union gegründet wurde, begann sie mit Wohltätigkeitsarbeiten und reformistischen Aktivitäten. Wir gründeten Schulen für erwachsene Frauen zur Bekämpfung von Analphabetismus, boten Erste-Hilfe-Kurse an, gründeten zwei Mädchen-Schulen für die mittlere Reife. Wir sammelten Gelder und Lebensmittel und verteilten sie an die Armen.

 

Bald begriffen wir jedoch, dass wir mit Wohltätigkeitsarbeit nicht Großes  bewirken konnen und nicht wirklich die Probleme der Bedürftigen beseitigen konnten. Mit unseren begrenzten Mitteln konnen wir nicht die Bildungsmängel des Landes lösen und den Analphabetismus beseitigen, noch wird die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung das Problem der Armut lösen. Probleme, die einen großen Teil der Bevölkerung betreffen, können nur Aufgabe der Regierung sein.

 

Bei Beibehaltung ihres Wohltätigkeitsprogramms führte die Frauen-Union daher bald eine offene Kampagne an, um auf friedlichem Wege die Regierung zu landesweiter Handlung zu drängen. Gleichzeitig begriff die Union, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern und die Befreiung der Frau aus ihrer Unterdrückung nur gelingen würde, wenn man die Regierung zur Änderung von politischen Entscheidungen und Gesetzen, die die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern gesetzlich verankern, bewegen könnte.

 

Die Regierung kam uns in unseren Forderungen natürlich nicht entgegen. Uns war es damals noch nicht gelungen, die Angelegenheiten der Frau zum Politikum zu machen, dass also bei Wahlen die Parteien mit dem Aushängeschild „Frauenrechte“ gegeneinander um die Stimme der Freau wetteifern, um an die Macht zu kommen. Um genau dies aber zu erreichen, brauchten wir ein öffentliches Medium, durch das das politische Bewusstsein der Frau geweckt und die Mühen Einzelner vereint werden konnten.  Ich schlug dem Vorstand vor, eine Frauenzeitschrift zu gründen. Mein Vorschlag wurde jedoch mit Mehrheit abgelehnt, mit der Begründung, die Arbeit von Frauen im Journalismus, geschweige denn die Erwähnung von Frauen in den öffentlichen Medien sei von der Gesellschaft nicht akzeptiert.

 

Ich entschloss mich, mit einigen anderen Frauen, die diese Idee befürworteten, die Zeitschrift trotzdem in meinem Namen zu gründen. Dies aber genehmigte die zuständige Behörde, an der wir den Antrag stellten, nicht. Ich wandte mich dann an Herrn Ismail Azhari, dem damaligen Ministerpräsidenten. Er versprach, sich für uns einzusetzen mit der Auflage, dass wir uns nicht in die Politik einmischen sollten. Wir hatten ihm das nicht direkt versprechen können, dennoch erschien „Saut al-mar’a“ („Die Stimme der Frau“) im Juli 1955 zum ersten Mal. Vor dieser Zeitschrift gab es die Zeitschrift „Bint al-Wadi“, die Takoi Sirkissian gegründet hatte, aber sie wurde schnell wieder eingestellt. Die „Stimme der Frau“ spielte eine große Rolle bei der Aufklärung von Frauen, bei der Verteidigung ihrer Rechte und beim Austausch von Erfahrungen von Frauen untereinander weltweit.

 

Politische Systeme sind verantwortlich für die Verletzung von Menschenrechten, für die Ausnutzung einzelner Gesellschaftsschichten und Rassendiskriminierung. Es sind die Gesetze, die die Gesellschaft formen und das Leben der Bevölkerung prägen. Tatsache ist, dass die Welt vorwiegend von Männern regiert wird, zusammen mit einer Handvoll Frauen, die den regierenden Parteien angehören und der politischen Linie der Regierung treu sind, auch wenn sie sich damit gegen ihr eigenes Geschlecht und gegen die Rechte von Kindern stellen. Die Verbreitung von Kriegen,  Gewalthandlungen und jeder Art von Ausbeutung und Unterdrückung sind Ergebnis ihrer Politik und Gesetzesgebung. Frauen und Kinder sind immer das erste Opfer.

Wenn Frauen nicht selbst Entscheidungsträger werden, werden sie nie Kriege vermeiden und soziale Gerechtigkeit durchsetzen können Um diesen Status der Mitbestimmung zu erreichen, müssen Frauen ihre Anstrengungen vereinen und mit den Männern, die sich mit ihnen solidarisieren, zusammenarbeiten. Denn nicht alle Männer sind gegen die Gleichberechtigung von Frauen, so wie nicht alle Frauen für die Gleichberechtigung der Frau sind.  

 

Heute stehen wir vor dem Problem, die Folgen der zerstörerischen Kriege zu beseitigen, die im Süden des Sudans für mehrere Jahrzehnte wüteten und immer noch im Westen und Osten des Landes anhalten, durch die vor allem Frauen und Kinder auf gesellschaftlicher, psychologischer und materieller Ebene leiden.

 

Als die Frauen-Union 1953 politische Rechte für Frauen einforderten (das aktive und passive Wahlrecht), stellte sich die islamische Front gegen sie und führte mit den Imamen der Moscheen eine Kampagne gegen die Frauen-Union. Die islamische Front behauptete, der Islam erlaube kein Engagement von Frauen in der Politik und sei gegen die Gleichstellung von Frauen und Männern. Es gab daraufhin inneren Zwist in der Frauen-Union. Zwei Frauen kündigten ihre Mitgliedschaft in der Union. Von da an war uns bewusst, auf welchem gefährlichen Terrain wir uns begaben. Wir führten einen Kampf gegen eine Kampagne, die im Namen der islamischen Religion geführt wurde in einem Land, dessen Mehrheit dem islamischen Glauben angehörte und dazu noch nicht lesen und schreiben konnte, die also die islamischen Vorschriften immer nur aus zweiter Hand, nicht von den ursprünglichen Quellen des Korans, kannten, sondern durch Vermittlung von Scheichs, die sich wiederum auf ihre Vorfahren in der Interpretation der Quellen stützten. Der islamische Glaube wurde dabei mit Sitten und Gebräuchen durcheinander vermischt. Uns wurde klar, dass die einzige Möglichkeit, diese ungerechtfertigten Angriffe abzuwehren, es war, mit der gleichen Waffe zurückzuschlagen.

 

Wir setzten uns intensiv mit dem Koran auseinander und konsultierten mehrere Religionsmänner, bis wir imstande waren, schlagende Argumente zu bringen, um zu beweisen, dass der Islam nicht dem  Mann den Vorrang gibt, und den Frauen im Islam nicht die Gleichberechtigung entzogen ist. Die Vielweiberei ist nur bedingt erlaubt, Frauen ist es nicht verboten, politisch aktiv zu werden.

 

1964 erhielt die Frau im Sudan das aktive und passive Wahlrecht. Auch die islamische Front stellte ihre Kandidatinnen auf. Zehn Jahre zuvor hieß es noch, die bloße Forderung der Frauen nach ihren politischen Rechten sei glaubenswidrig. Nachdem aber diese Rechte erlangt waren, nahm die islamische Front gern diese Rechte in Anspruch, um davon Vorteile zu ziehen! Hatten sich die islamischen Vorschriften denn seither geändert? Ich wurde zur Wahl aufgestellt und gewann und wurde so die erste sudanesische Abgeordnete in einem frei gewählten Parlament, das auf einem pluralistischen demokratischen Mehrparteiensystem basierte. 

 

Der Grund, weshalb die Frauen-Union ihre politischen Rechte erlangen konnte und ihre Kandidatin den Parlamentssitz erhalten hat, ist ihr Erfolg bei der Miteinbeziehung einer breiten Bevölkerungsschicht (u. a. Hausfrauen) beim Widerstand gegen das Militärregime von Ibrahim Abboud (1958-1964).

 

Innerhalb des Parlaments entstand das „Komitee zum Schutz der Rechte der arbeitstätigen Frau“, in dem alle Gewerkschaften, Jugend- und Studentenverbände, Politiker und Privatpersonen vertreten waren. Das Komitee vertrat die Interessen der Frauen, wie sie auch von der Frauen-Union für die Gesetzesvorlage vorgeschlagen waren. Das Komitee organisierte große Kampagnen, um Parteiführer und Abgeordnete von den vorgeschlagenen Gesetzesänderungen zugunsten arbeitstätiger Frauen zu überzeugen. Tatsächlich hat das Parlament 1968 folgende Gesetzesvorlage genehmigt:

 

-          Freie Berufswahl in allen Branchen einschließlich im islamisches Recht, diplomatischen Dienst, Wehrmacht, Polizeidienst. Vor diesem Zeitpunkt war das Betätigungsfeld von Frauen auf Schule und Sanitätsdienst eingeschränkt.

-          Gerechte Löhne: Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, gleiches Recht auf Gehaltserhöhung und Honorare, Recht auf Rente, Beförderung, Aus- und Weiterbildung.

-          Recht auf Mutterschutzurlaub, zwei Wochen vor und vier Wochen nach der Geburt und Stillzeit.

-          Das sogenannte Muschahara-Gesetz wurde abgeschafft. Nach diesem Gesetz war eine arbeitstätige, ledige Frau verpflichtet gewesen, ihre Kündigung einzureichen, sobald sie heiratet, um in ein monatlich verlängerbares Arbeitsverhältnis einzutreten. Sie war damit jederzeit fristlos kündbar und konnte auch keine weiteren sozialen Leistungen geltend machen.

 

 

 


Errungenschaften der Frauen-Union im Bereich Familienrecht

 

Die Frauen-Union war  mit einem Memorandum an den Kadi herangetreten, um Änderungen im Familienrecht einzufordern. Die Forderungen waren alle mit Belegen aus dem Koran und der Sunna unterstützt, so dass der Richter gar nicht erst ins Zögern kam, sie zu genehmigen. Folgendes hat sich geändert:

 

-          Die Frau muss jetzt gefragt werden, wenn sie mit einem Mann verheiratet wird, d. h. eine Ehe, die ohne ihrer Einwilligung geschlossen wird, kann durch Gericht aufgelöst werden.

-          Verbot der Ehe mit Minderjährigen.

-          Aufhebung des sogenannten „Gehorsamkeitsgesetz“, welches die geschiedene Frau mit polizeilicher Gewalt zwingt, zu ihrem Mann zurückzukehren, wenn er die Scheidung zurücknehmen will, unabhängig davon, ob sie das wünscht oder nicht. Jedoch ist immer noch im Gesetz verankert, dass sie, im Falle ihrer Weigerung zurückzukehren, auf ihr Brautgeld verzichten muss. 

-          Die Mutter hat das Sorgerecht für ihre Tochter, bis diese heiratet, und das Sorgerecht für ihren Sohn, bis dieser in die Jugendreife kommt. Vor dieser Änderung hatte sie bisher das Sorgerecht für die Tochter bis zu ihrem 9. Lebensjahr und das für ihren Sohn bis zu seinem 7. Lebensjahr, danach übergingen die Kinder in die Obhut des Vaters.

-          Der Vater ist nach der Scheidung für den Unterhalt seiner Kinder verpflichtet. Bisher war er dazu nicht verpflichtet.  wurde noch folgende Klausel hinzugefügt: „Die Unterhaltspflicht kann bis zur Hälfte seines Einkommens betragen. Damit wird weder die Zahl seiner Kinder berücksichtigt noch  auf ihre speziellen Bedürfnisse eingegangen.

 

All diese Errungenschaften trugen dazu bei, dass die UN 1993 mich als Vertreterin der Frauen-Union mit dem UN Award für ihre Verdienste um Menschenrechte auszeichnete. Die Frauen-Union ist bis heute die erste und einzige Frauen-Organisation, die diesen Preis weltweit erhalten hat.

 

 

Die Frauen-Union und der Widerstandskampf gegen Militärdiktatoren

 

Nach dem Militärputsch von Ibrahim Abboud im Sudan hat die Militärregierung die Frauen-Union aufgelöst, nicht aber die Zeitschrift „Stimme der Frau“, weil die Zulassung nicht im Namen der Union war. Auf diese Weise konnte die Zeitschrift weiter wirken und Frauen für den Widerstand gegen die Militärdiktatur mobilisieren. Zwei Seiten waren der Kunst der Karikatur gewidmet. Es ist im Grunde die erste Zeitschrift im Sudan, die dieses Mittel für den politischen Widerstand eingesetzt hat. Sogar Analphabeten konnten so die verborgene Absicht verstehen. Dies war der Grund, weshalb die Zeitschrift eine große Verbreitung fand. Gleichzeitig aber wurde die Redaktion immer wieder zur Rechenschaft gezogen und musste einige Hindernisse überwinden. Trotzdem, die Regierung von Abboud pflegte nicht, Frauen zu inhaftieren.

 

Im Mai 1969, unmittelbar nach dem Erlass der 1968 vorgeschlagenen Gesetzesänderungen zugunsten der Frau, kam an-Numairi durch einen Putsch an die Macht. Die Union schickte eine Delegation zu an-Numairi und bat ihn, die von der Union vorgeschlagenen Gesetzesinitiativen ins neue Grundgesetz aufzunehmen. Er versprach es und bat die Union, mit ihm zusammenzuarbeiten.  Als an-Numairi in die Sowjetunion reiste, wollte er, dass ich ihn begleite. Ich lehnte ab mit der Begründung, dass die Frauen-Union grundsätzlich frei von jeglicher Einflussnahme von Regierungen und Parteien bleiben wolle. Ein anderes Mal bot er mir die Position der „Ministerin für Frauen- und soziale Angelegenheiten“ an. Ich lehnte das Angebot ab und schlug stattdessen vor, den Frauen das Recht zu geben, ihre Ministerin selbst zu wählen, worauf er sehr wütend wurde.  

 

Bei der Eröffnung der „Woche der Frau“, die am Gründungstag der Union (31. Januar) jährlich veranstaltet wird, überraschte an-Numairi uns mit einer Abfuhr: In seiner Rede erklärte er, dass er nicht vorhabe, die von der Union geforderten Gesetzesentwürfe zu gewähren, weil es importierte „Rechte“ seien, dies, nachdem er vorher versprochen hatte, die Gesetzesinitiativen umzusetzen. Ich versäumte es nicht, ihn in meiner Ansprache an sein Versprechen zu erinnern und fügte spitz hinzu, nicht die Frauenrechte seien importiert, sondern seine Kleider. Danach zog sich der Präsident mit seinen Ministern und seinem Gefolge zurück.

 

Es wurde noch schlimmer, an-Numairi konfiszierte Fördermittel der UNESCO im Wert von 10 000 Dollar, die für die Projekte der Frauen-Union in den abgelegenen Dörfern vorgesehen waren (Bekämpfung des Analphabetismus, Kampagne gegen Beschneidung, Erste-Hilfe-Kurse u.ä.) und er verbot schließlich die Frauen-Union. Einige Frauen, die sich vorher von der Union abgesplittert hatten, gründeten eine neue Frauen-Organisation, die der regierenden sozialistischen Partei angehörte, der Partei des Militärregimes.

 

Als mein Mann 1971 in den Militärlagern an-Numairis gefoltert und hingerichtet wurde, wurde auch ich verhaftet und vom Innenminister verhört und zu zweieinhalb Jahren Hausarrest verurteilt. Dieses Leid bestärkte mich jedoch umso mehr, den Kampf für Arme und Unterdrückte  weiterzuführen.

 

 

Mein Leben im Exil

 

Dies war im kurzen meine Geschichte mit der Frauen-Union im Sudan. Im Exil setzte ich meine Arbeit für Frauen- und Menschenrechte im Sudan fort. Mit anderen Sudanesen gründete ich das „Sudanesische Komitee gegen Rechtsverletzungen an Frauen, Jugendlichen und Schülern“. Das Komittee setzt sich ein gegen Zwangrekrutierung von Schülern und Studenten für den Krieg im Südsudan und gegen Übergriffe auf unverschleiterte Studentinnen. Ferner eröffneten wir eine Zweigstelle der sudanesischen Frauen-Union in London. Auf Einladung der Volksbewegung zur Befreiung des Sudans besuchte ich den Südsudan.

 

Am Herzen lag mir, die aus politischen Gründen aus ihrer Heimat vertriebenen Exil-Sudanesen zur Rückkehr zu überzeugen und ihren Kindern, solange bis dies möglich sein wird, im Ausland die Möglichkeit zu bieten, ihre Muttersprache und Kultur zu lernen. Ich engagierte mich daher bei der Organisation kultureller Veranstaltungen sudanesischer Gesellschaften im Exil.

 

 


Meine Rückkehr in den Sudan

 

Nach 13 Jahre Exil kehrte ich in meine Heimat zurück. Das war ein historisches Ereignis für mich, nach all dem was ich durchleben musste an Verfolgung, Gefängnisstrafe und Leben in der Fremde. Meine Kollegin Frau Zahra’ al-Bahi, Leiterin der Zweigstelle der Frauen-Union in Port Sudan, begleitete mich damals. Auch Sie hatte nach mehreren  Gefängnisstrafen, die auch ihren Mann betrafen, mit ihren Kindern den Sudan verlassen müssen.

 

Nach dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der SPLM (Sudaneese People Liberation Movement) wählte die kommunistische Partei mich und zwei andere Frauen als ihre Vertreterinnen in der Nationalversammlung. Ich zögerte anfangs, den Posten anzunehmen, habe mich dann aber dafür entschlossen, weil ich so die Politik des Landes mitbestimmen und die Bevölkerung durch Öffentlichkeitsarbeit an den Entscheidungen teilhaben lassen kann.

 

Die Wiederaufnahme der Arbeit der Frauen-Union hatte vor meiner Rückkehr bereits begonnen, was nach all den Jahren ihres Verbots seit der Machtübernahme der Islamischen Front im Jahre 1989 keine einfache Aufgabe war. Ich habe jedoch meine Absicht erklärt, keine Führungsposition mehr anzunehmen, um jüngeren Frauen die Gelegenheit zu geben, aufzusteigen.

 

O Frauen dieser Welt, ich rufe euch auf, vereint eure Kräfte! Genug des Unrechts, der Unterdrückung und des Leids! Lasst uns vereint für unsere Rechte und die Rechte unserer Kinder kämpfen! Lasst uns eine starke und einflussreiche Kraft werden und in allen Bereichen und auf allen Ebenen wirksam sein! Lasst uns vereint eine regionale und internationale Gesellschaft schaffen, in der Demokratie, Frieden, Stabilität herrschen und Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit garantiert sind! Lasst uns jede Art der Diskriminierung bekämpfen: Deskriminierung von Rassen, Gesellschaftsschichten, Geschlechter, Religionen, persönliche und politische Überzeugungen!

 

Es gibt keinen Führer oder Präsidenten, der die Geschichte allein macht. Eine Hand kann nicht allein klatschen, egal, wieviel Kraft sie hat.

 

Möge der Frauen-Union, unserem wunderbaren Volke, der nach Demokratie sich sehnenden Bevölkerung und möge allen Verteidigern der Menschenrechte der Sieg sicher sein.

 

 

Fatima Ahmed Ibrahim