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Pressemitteilung Wem gehört der
Islam? Der Islam-Reformer Nasr Abu Zaid erhält den Ibn
Rushd-Preis 2005 Der
diesjährige Ibn Rushd-Preis für Freies Denken wird einem der bedeutendsten
islamischen Gelehrten unserer Zeit verliehen. Der aus Ägypten stammende und
seit 1995 im niederländischen Exil lebende Islamwissenschaftler Nasr Abu Zaid
erhält den Preis für seinen langwährenden Kampf für eine unabhängige
Koranforschung, unnachgiebig geführt selbst um den Preis der persönlichen
Freiheit. Der Preisträger, der den Preis am Freitag, den 25. November 2005,
persönlich in Berlin entgegennimmt, wurde von einer unabhängigen Jury
gewählt.
Der Islam wird im Westen nicht erst seit
dem 11. September 2001 in erster Linie mit den sogenannten 'Fundamentalisten'
in Verbindung gebracht. 'Fundamentalismus' ist jedoch ein irreführender
Begriff – die Islamisten gehen nicht zurück zu den Fundamente des Islam. Sie
sind Traditionalisten, die sich auf überlieferte Gesetze und Gebräuche
berufen, nicht auf den Koran selbst. Um die Freilegung der Fundamente des
Islam bemühen sich andere Kräfte. Der ägyptische Literaturwissenschaftler
und Koranforscher Nasr Abu Zaid kritisiert die traditionelle Lesart des Koran
als überkommen und wirbt statt dessen für eine wissenschaftlich fundierte
Interpretation, die den Text in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnet und
die eigentlichen Aussagen von zeitbedingt entstandenen trennt. Eine
zeitgemäße Auslegung des Islam soll mit Hilfe historischer und linguistischer
Methoden erarbeitet werden, denn der Text des Koran selbst ist vielfältigen
Interpretationen offen. Einen solchen Interpretationspluralismus hat es in
der islamischen Geschichte durchaus gegeben, bevor Orthodoxie und Islamismus
Anspruch auf das Auslegungsmonopol erhoben und die Eindeutigkeit der
göttlichen Worte behaupteten, deren Bedeutung sie auf Gebieten und Verbieten
beschränken. Der gläubige Muslim Abu Zaid will den
Koran vor der Tradition retten, die die religiöse Essenz bis zur
Unkenntlichkeit entstellt. Er will ihn wiederbeleben und ins Hier und Jetzt
holen. Abu Zaid, der aus einfachen, dörflichen Verhältnissen stammt und als
junger Mann der Muslimbruderschaft nahestand, sagt:
"Mein Diskurs bedroht den der Islamisten, weil er sich wirklich
auf ihn einlässt, weil er ihn analysiert, weil er die Falschheit und die
manipulierende Absicht ihres Diskurses aufdeckt. Sie, die Islamisten, wissen,
dass ich kein Apostat bin. Sie wissen, dass es dafür nicht den geringsten
Beleg in meinen Büchern gibt.“ Der Ibn
Rushd Preis für Freies Denken wird am 25. November 2005 zum siebten Mal
verliehen. Ganz im Geiste des Namenspatrons Ibn Rushd (1126 - 1198, alias
Averroes), dem Philosophen und Vermittler zwischen den Kulturen, widmet sich
der Ibn Rushd Fund für Freies Denken dem Recht auf freie Meinungsäußerung und
Demokratie in der arabischen Welt. Der diesjährige Preis war ausgeschrieben
für einen Islamforscher, der sich um eine grundlegende Reform des Islam und
des islamischen Denkens bemüht. Der ägyptische Islamwissenschaftler
erregte Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts Aufsehen, als er
aufgrund seiner wissenschaftlichen Schriften als Ketzer und Apostat
(Abtrünniger vom Glauben) gebrandmarkt wurde. Weil es in Ägypten jedoch kein rechtliches
Mittel gibt, jemand direkt der Apostasie anzuklagen, bedienten sich Abu Zaids
Gegner des nach Religionen getrennten Eherechtes, um einen Intellektuellen
auf juristischem Wege zum Schweigen zu bringen. Abu Zaid sollte als Apostat
von seiner Frau zwangsgeschieden werden: eine Muslimin darf nicht mit einem
Nicht-Muslim verheiratet sein. Den Eheleuten drohte Lebensgefahr. Abu Zaid
und seine Ehefrau, die Romanistik-Professorin Ibtihal Yunes, verließen
schließlich Ägypten und leben seitdem im Exil in den Niederlanden, wo Nasr
Abu Zaid den Lehrstuhl für Islamwissenschaften an der Universität zu Leiden
sowie den Ibn Rushd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam an der Universität für
Humanismus zu Utrecht innehat. Abu Zaids Fall ist der beste Beweis für
die dringende Notwendigkeit wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Koran:
Die Scharia, das im Mittelalter kodifizierte und seither kaum veränderte
'islamische Recht' sieht als Strafe für Apostasie, wie sie Abu Zaid - zu
Unrecht - seitens der Islamisten vorgeworfen wird, die Hinrichtung vor.
Grundlage hierfür ist ein in der islamischen Welt umstrittener
Propheten-Ausspruch, wonach diejenigen, die ihre Religion wechselten, zu
töten seien. Im Koran selbst findet sich keine derartige Aussage, daher ist
dieser Teil der Scharia in den meisten arabischen Staaten nicht in das
Gesetzbuch aufgenommen worden. Abu Zaid will den Koran der politischen
Vereinnahmung entziehen, wie sie in vielen islamischen und arabischen Ländern
ausgeübt wird, und wie sie etwa religiöse Fanatiker praktizieren, die sich
auf den Islam berufen, wie sich einst die Inquisitoren auf das Christentum
beriefen. Das Religionsestablishment in Ägypten
scheint sich jedoch weniger durch die Vereinnahmung des Islam durch diese
religiösen Fanatiker bedroht zu fühlen als durch die Analyse und
Interpretation des Islam durch einen Wissenschaftler wie Abu Zaid. Dies ist
eine beunruhigende Schieflage und ein Notstand. Der Ibn Rushd-Fund hat es sich mit dem diesjährigen Preis
zur Aufgabe gemacht, die aufklärerischen und weltoffenen Kräfte im Islam zu
stärken. Mit Nasr Abu Zaid wird ihr herausragendster Vertreter geehrt. Nasr Abu Zaid wird den Preis am 25. November 2005 um 17.00 Uhr im
Goethe Institut, Neue Schönhauser Straße 20, in Berlin-Mitte persönlich
entgegennehmen. Ein Empfang mit arabischem Tee, Bakhlava
und Zeit für persönliche Diskussionen schließt die Feierlichkeiten ab. Telefon +49 (0)33056-436469 oder +49 (0)30-446 50 218 Fax +49
(0)33056-436470 oder +49 (0)30-446 50 219 |