Wider die Buchstabengläubigkeit
Der ägyptische Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid erhält in Berlin den Ibn-Rushd-Preis
 
VON OTTO KALLSCHEUER

BERLIN. Dicht gedrängt standen die Gäste in den Räumen des Goethe-Instituts in Berlin-Mitte am Freitag Abend. Man vernahm mehr arabische Leute als deutsche. Viele der Anwesenden, die zur siebten Verleihung des Ibn-Rushd-Preises für Demokratie und Meinungsfreiheit in der islamischen Welt gekommen waren - teilweise von weit her -, kennen einander seit langem. Die Mehrheit des Publikums setzt sich aus älteren Vertretern der bildungsbürgerlichen arabischen Diaspora in Deutschland zusammen: Diplomaten, Ärzte, Intellektuelle und Freiberufler. Man kommt mit Familie, aber Frau trägt keinen Schleier, allerhöchstens ein modisches Kopftuch.

Der Ibn-Rushd-Verein für Freiheit des Denkens, Wahrung der Menschenrechte und Perspektiven der Demokratie in der arabischen Welt ist eine Bildungsbürgerinitiative im Exil, parteiunabhängig und nach eigener Auskunft ohne jede öffentliche Förderung. Gegründet wurde der Verein von in Deutschland lebenden Arabern 1998 am 800. Todestag des Philosophen Ibn Rushd (1126 bis 1198). Der Arzt und Richter aus Cordoba, der am Almohadenhof in Marrakesch wirkte, steht für den Brückenschlag zwischen Islam und Aufklärung. Im lateinischen Mittelalter ist er bekannt als Averroes, "der Kommentator" des Aristoteles par excellence. Averroes' Verteidigung der philosophischen Vernunft gegen die Kritiken des großen Theologen Al-Ghazali (gestorben im Jahre 1111) verweist zugleich auf die Blütezeit des theologischen und philosophischen Pluralismus in der islamischen Welt, bevor dann durch politische Entscheidung die Pforten der Interpretation geschlossen wurden. Diese Tore wieder zu öffnen, ist das Ziel der Initiative.

Jedes Jahr wählt eine eigens berufene Jury zu einem Streitthema einen Protagonisten des Kampfes für offene Gesellschaften in der arabischen Welt. 1999 war es der unabhängige Fernsehsender "Al Dschazira". Seitdem wurden Philosophen und Literaturkritiker, eine Frauenrechtlerin und ein Parlamentarier ausgezeichnet - bezeichnenderweise ein Mitglied der israelischen Knesset: der Araber Azmi Bishara.

In diesem Jahr ging der Preis an den ägyptischen Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (...). In seinem Hauptwerk "Der Begriff des Textes" von 1990 hatte Abu Zaid versucht, die Bedingungen zu klären, unter denen Menschen Gottes Offenbarung überhaupt verstehen können, und dabei war ihm die hermeneutische Philosophie Hans Georg Gadamers ebenso wichtig wie die angelsächsische Kommunikationswissenschaft.

Gott ist "Sender" einer an die Menschen adressierten Wahrheit, so Abu Zaid. Wenn Menschen diese Botschaft begreifen sollen, so muß der Code von Gottes Wort dem "Empfänger" verständlich sein. Also muß sich der verborgene Gott, wenn er zum Propheten Mohammed - durch Eingebung oder durch den Vortrag des Engels Gabriel - spricht, eines Codes bedienen, den Menschen in den Zeiten Mohammeds auch verstehen konnten. Das bedeutet dann nach Zaids Argumentation, daß der Koran gelesen und decodiert werden muß wie andere Texte auch (...).

Auszug aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.11.2005, Nr. 47, S. 11

 

Zurück zur Übersicht der Preisverleihungen